Kränkung und Versöhnung

Es ist eine alltägliche Feststellung, dass es möglich ist, auch aus einer gewissen Entfernung festzustellen, ob zwei Menschen mit einander ein Paar bilden. Die Fähigkeit, dies zu erkennen ist ja bekanntlich auf Parties durchaus nützlich. Wie kommt es aber, dass man es zumeist so leicht erkennen kann?

Paare entwickeln nach einigen Monaten des Zusammenseins ein intuitives Gefühl füreinander. Sie beginnen, sich auf einander "einzuschwingen". Sie teilen Momente und Situationen und erfahren einander darin. So beginnen sie, ähnliche Gefühlslagen und Stimmungen zu entwickeln. Es entwickelt sich ein gemeinsames Unbewusstes, ein Wissen um den Anderen, ohne dass dies extra in Worte gefasst werden muss. Man (und vor allem Frauen) weiss, was im anderen vor sich geht.

Dieses Umeinander-Wissen ist bei alteren Paaren sehr ausgeprägt. Man kann sich nicht mehr vor einander verstecken. Es ist nicht mehr möglich, den anderen zu überraschen. Selbst wenn in einem Paar einer der beiden formuliert: "Und dann hat er/sie plötzlich... dies oder das gemacht", so ist es bei genauer Betrachtung so, dass eigentlich nie ein Gefühl der Überraschung da ist, sondern genau genommen eher ein Gefühl des Unglaubens, das der andere dies oder das dann wirklich gewagt hat zu tun.

Dieser unterbewusste Prozess geht immer tiefer, je länger ein Paar zusammen ist. Ältere Paare entwickeln manchmal die Angewohnheit, die halb zuende gesprochenen Sätze des anderen selbst fortzusetzen. Sie entwickeln ähnliche Vorlieben, ähnliche Ticks und Angewohnheiten. Manchmal beginnen sie, sich auch im Äusseren anzugleichen oder sie fangen gar an sich, ähnlich zu kleiden.

Ähnliche Lebensgefühle

Anfangs ist in einer Partnerschaft das gemeinsame Lebensgefühl sehr ähnlich. Als junger Mensch hat man ähnliche Interessen und Aktivitäten. Besondere Lebenspläne sind noch nicht entwickelt und man geniesst einander. Fast immer sind beide durchaus sensibel füreinander und achten zu Beginn der Partnerschaft genau darauf, dass alles fair geteilt wird. Sie teilen die Freizeit, die Hausarbeit und entsprechend auch Freud und Leid miteinander.

Je länger ein Paar zusammen ist, desto mehr vertieft sich die Bindung. Die Schattenseite der Bindung ist, dass mit wachsender Bindung auch eine wachsende Abhängigkeit entsteht. Dazu genügt es, einfach nur zusammen zu sein. Alles weitere, wie etwa eine gemeinsame Wohnung, gemeinsames Geld, Verträge, Eheschließung und dann die Kinder vertiefen die Abhängigkeit immer mehr.

Je mehr Abhängigkeit, desto mehr entsteht auch ein Gefühl der Unfreiheit, welche sich wie ein Schatten auf die Freude und die Liebe legt, die das Paar mit einander teilt. Dieser Prozess ist unserer Meinung nach unausweichlich. Je mehr man aber die Unabhängigkeit und die Individualität des Anderen respektiert und achtsam miteinander umgeht, desto mehr kann das Gefühl der Abhängigkeit und Unfreiheit realtiviert werden.

In jedem Fall entsteht aber durch das wachsende Gefühl von Abhängigkeit das Bedürfnis, die Schwierigkeiten und Probleme des Alltags und der Partnerschaft fair und gerecht zu verteilen. Dies ist in unserer Gesellschaft oft nicht leicht. Es wird fast unmöglich, wenn Kinder kommen. Immer führt dies zu einer ungeleichen Verteilung von Aufgaben und Belastungen. Egal, wie sehr man sich bemüht, immer gibt es Unterschiede und immer kann man darüber streiten, ob es schlimmer ist, die Wäsche zu waschen und die Wohnung aufzuräumen oder das Auto zum TÜV zu fahren und den Müll herunter zu bringen.

Streit ist eine gute Sache

Fängt ein Paar an zu streiten, dann sind es oft diese Äußerlichkeiten, die Anlass des Zwistes sind. Der Streit ist immer ein Hinweis auf ein tiefer liegendes Gefühl der Kränkung und des Gefühls der Ungerechtigkeit. Nicht immer ist der Andere der Grund für diese Gefühle, er ist aber der Anlass oder einfach nur der Blitzableiter. Der Streit ist das Bemühen, die subjektive Gerechtigkeit wieder her zustellen. Die Waage muss ins Gleichgewicht, die Konten müssen ausgeglichen sein. Es ist Ausdruck des Bemühens nach Ausgleich, aber auch Ausdruck des Wunsches nach Harmonie.

So ist Streit eigentlich eine gute Sache, wenn er mit Versöhnung und Verständnis endet. Versöhnung und Verständnis entsteht, wenn ein gemeinsames Gefühl entsteht. Es bedeutet, beide fühlen einander wider, spüren die Gefühle des Anderen. Der Satz: "Du verstehst mich nicht!" hat nichts mit akzentiertem Deutsch oder mit gut formulierten Argumenten zu tun. Dies ist oft ein entscheidender Stolperstein für Paare.

Verständnis in der Partnerschaft spricht immer das (fehlende) gemeinsame Gefühl an. Verständnis ist eine Frage des Gefühls, nicht eine Frage der Argumente oder des Recht habens.

Einfühlung und Kränkung

Drei Dinge sind wichtig zum Verständnis:

  • Durch Bindung entsteht Abhängigkeit, welche Liebe und Einfühlung beeinträchtigt
  • Durch mangelnde Einfühlung entsteht das Gefühl von subjektiver Ungerechtigkeit, welche Streit hervorruft.
  • Der Streit dient ursprünglich der Wiederherstellung von Gerechtigkeit, endet für viele Paare aber in einem endlos sich wiederholenden Kreislauf von Vorwürfen und Rechthaberei, weil die Einfühlung aufgrund mangelnden Zuhörens (mit Herz) nicht entsteht.

Einfühlung setzt die Bereitschaft voraus, die eigene Kränkung beiseite zu stellen und dem Anderen zuzuhören, mit offenen Herzen. Hinhören und Hinfühlen ist die Zauberformel. Dies ist aber für viele Menschen ein Problem, weil wir alle die Neigung haben, negative Gefühle des Anderen als Vorwurf aufzufassen und Zuhören und Einfühlung als Eingeständnis von Schuld.

Das Wechselspiel von Schuldgefühl und Vorwurf muss man noch gesondert betrachten, denn es ist angetrieben von der in unser aller Erziehung verankerten Empfänglichkeit für Schuld und Scham.

Das Streben nach Gerechtigkeit erzeugt Drang nach Ausgleich der Gefühle, daher verpassen sich die Paare immer eins, man kennt sich ja gut. Daher sind beide immer gemeinsam glücklich oder unglücklich. Gerade weil man sich so gut kennt, kann man sich bei Missverständnissen und Kränkungen eben nicht darauf rausreden, man habe das und das ja nicht gewusst oder nicht so gemeint. Man lebt ja miteinander und man spürt auch die Gefühle des Anderen. Wer auf dem Gesicht des anderen eine Kränkung oder einen Schmerz sieht, der bemüht sich, dies zu entschuldigen oder zu trösten, wenn es wirklich nicht gemeint ist. Man (frau) bleibt aber zurückgezogen, verschlossen, wenn man selbst gekränkt ist, mit eigenen Problemen beschäftigt oder überfordert ist und überlässt den anderen seinen Gefühlen und Kränkungen.

Kränkungen gleichen sich aus

So gleichen sich Kränkungen und unglückliche, harte Gefühle in einer Partnerschaft immer miteinander aus. Wenn sich einer der Partner vom anderen distanziert, dann ist trotzdem die Entfernung von der gemeinsamen Mitte immer gleich weit. Deshalb ist es nicht möglich, dass einer sich nahe und der andere sich fern oder fremd fühlt. Es ist immer gleich weit zur Mitte.

In diesem Zusammenhang ist es auch noch einmal wichtig, sich daran zu erinnern, dass bei einem Paar die Kommunikation, wie alle menschliche Kommunikation, nur zu einem kleineren Teil aus Worten besteht. Jeder Blick, jede Geste hat Bedeutung. Aus dem alltäglichesten Verhalten transportiert man, wie man zu einander steht.

Auch hier ist wichtig: Man kann sich nicht nicht verhalten. Ein Blick, ein Kuss, der nicht erwidert wird, ist nicht einfach nicht, sondern er bedeutet in seiner Abwesenheit, in seinem Ausbleiben auch etwas. Wenn Sie verstehen wollen, was es mit dem "Sich Verstehen" bwz. "Sich nicht verstehen" auf sich hat, dann dürfen Sie die erhebliche Rolle der non-verbalen Kommunikation nicht ausser Acht lassen.

Auch hier gilt: Wichtig ist nicht, was einer sagt, wichtig ist, was einer tut. Worte sind nur bewegte Luft (auch wenn Worte sehr verletzend sein können). Entscheidend in einer Partnerschaft ist immer, was getan wird, oder eben auch nicht getan wird. In einem Paar kann ohne viel Worte trotzdem viel Liebe, Vertrauen und Nähe transportiert werden und genauso kann ein Paar reden und reden und reden und dabei sitzt jeder auf seinem persönlichen Planeten ohne echten Kontakt zum andern.

Handeln entscheidet

Für viele Paare, die im Streit und im wechselseitigen Unverständnis stecken bleiben, stellt sich die Frage, wie man da wieder raus kommt. Versteht man, dass die fehlende Einfühlung mit dem Festhalten an der eigenen Kränkung zu tun hat, dann wird der Weg deutlich:

Zuerst nehmen Sie (Ja, Sie, sie sind gemeint, nicht Ihr Partner) die Verantwortung für Ihre Gefühle und Ihr Verhalten. Schieben Sie nicht die Verantwortung auf den Partner. Sagen Sie nicht: Aber zuerst muss er/sie das und das tun oder lassen.

Bestimmt hat Ihre Kränkung etwas mit Ihren Erwartungen zu tun. Weder das Leben noch Ihr Partner hat aber eine Verantwortung dafür, Ihren Erwartungen gerecht zu werden. Das Leben ist wie es ist, und Sie haben die Verantwortung, mit dem was ist, klar zu kommen. Sie können den anderen, so wie er ist, nicht verändern. Sie können ihn immer nur so nehmen wie er/sie ist, oder es eben lassen.

Verzeihung und Versöhnung ist jetzt

Sich darüber aufzuregen, dass irgendjemand oder irgendwas nicht so ist, wie Sie das erwarten, ist irgendwie kindisch und unreif. Es ist eben so und fast immer bleibt es auch so, egal wie sehr Sie sich darüber aufregen. Die Verantwortung, damit was zu machen, bleibt so oder so immer bei Ihnen.

Kränkung hat immer etwas damit zu tun, dass Sie an der Vergangenheit festhalten. Das Leben spielt sich aber immer unweigerlich in der Gegenwart, im Hier und Jetzt ab. Was Ihr Partner früher mal gesagt und getan hat, oder sagen oder tun sollte, all dass ist unerheblich. Was zählt ist das jetzt:

Gibt es jetzt Gefühl, Nähe, Wärme, Distanz oder Härte? Was ist jetzt? Verzeihung und Versöhnung ist immer eine Frage des Moments im Jetzt.

Dieser Moment hat keine Vergangenheit und auch kein Zukunft.

Verzeihung und Versöhnung ist jetzt.