Sexualität in der Trennungskrise

Beziehung gemeinsam gestalten

Jede Beziehung zwischen Menschen lebt von dem, was man gemeinsam gestaltet. Eine Beziehung zwischen Menschen ist nur möglich, wenn man gemeinsam Leben miteinander erlebt. Der Unterschied zwischen dem "Miteinander - Leben" und dem "Nebeneinander her leben" ist der Moment des geteilten Gefühls. Man mag sich vorstellen, dass zwei Menschen in einer Kantine gleichzeitig an einem Tisch sitzend ein Mittagessen verspeisen. Dieser gemeinsamer Moment bedeutet für sich genommen gar nichts. Es ist durchaus denkbar, dass diese Menschen einander völlig fremd sind und auch weiterhin völlig fremd bleiben. Schon allein ein freundliches Zunicken und ein "guten Appetit wünsche ich" und "danke, Ihnen auch", schafft einen Raum einer gemeinsame Erfahrung, der ein Minimum an gemeinsamem Erleben konstituiert. Wir alle wünschen uns diese Gemeinsamkeit und deswegen gehört es zum guten Umgang miteinander, sich in fremden Situationen einander vorzustellen und miteinander eine minimale Basis gemeinsamen Erleben aufzubauen.

In fast allen Paargemeinschaften, wie aber auch in Gemeinschaften überhaupt, ist beispielsweise das gemeinsame Verzehren einer Mahlzeit ein zentraler Teil des Zusammenlebens. Es ist durchaus denkbar, dass jeder Mensch seine Mahlzeiten für sich alleine einnimmt. Etwas zusammen zu essen, ist keineswegs eine Frage des überlebens. Es ist aber einer der zentralsten Teile menschlichen Verhaltens, durch welches Gemeinsamkeit und Verbindung hergestellt wird. Kaum jemand kann sich eine Ehe oder einer Partnerschaft vorstellen, in der man nicht regelmäßig gemeinsam zu Tisch sitzt.

Für alle Menschen dürfte es selbst der verständlich sein, dass die gemeinsame Mahlzeiten gestaltet wird. Dies bedeutet, das man sich im Zweifelsfall abspricht und beispielsweise fragt: "kommst du heute Abend zum Essen?" Man fragt vielleicht auch: "was möchtest du gerne essen?" oder "hast du einen besonderen Wunsch?" Ist der eine Partner verhindert, so entschuldigt er sich bei dem anderen und sagt vielleicht: "du, heute Abend kann ich leider nicht kommen, dass tut mir sehr leid, aber wir sehen uns dafür ja später." So alltäglich, die gemeinsame Mahlzeit mit dem Partner zu sein scheint, so ist es jedoch nicht von alleine so gekommen. Es ist eine besondere Situation, etwas was wir jeden Tag gestalten und welches erst dadurch zu einem selbstverständlichen Teil unseres Lebens wird.

Sexualität will auch gestaltet sein

Bei fast allen Paaren, die in der Psychotherapie um Rat und Hilfe nachsuchen, ist die Sexualität ein heikles Thema. Fast immer beklagt der eine oder andere, das er seine Bedürfnisse an Sexualität in der Ehe oder Partnerschaft nicht ausreichend erfüllt sieht. In aller Regel sind schwelende Konflikte, Kränkungen, Missverständnisse, Ängste u. ähnliche Probleme ein wichtiger Auslöser für diese Schwierigkeiten. Natürlich können und müssen alle die Themen von Kränkung und Konflikt in der Paartherapie besprochen werden, aber nichts ändert sich an der Tatsache, dass irgendwann das Paar, um wieder zueinander zu finden, miteinander Sexualität leben sollte. Irgendwie muss man das dann wieder hinkriegen. Nur - einfach so, von alleine geht es nicht. Sexualität muss, wie alles andere in der Ehe und Partnerschaft, eben auch gestaltet werden. Genauso, wie man das Abendessen plant, auch wenn man noch gar nicht hungrig, ist so ist auch die sexuelle Begegnung des Paares nichts weiter als eine Verabredung, zu der man eben kommt und an der man teilnimmt. Um im Bilde zu bleiben, so kann man sagen, kommt der Appetit dann mit dem Essen.

Verabredungen treffen und einhalten

Wenn es einem somit Ernst ist, mit der Versöhnung mit dem Partner, dann muss man einen Weg finden, die Sexualität mit den Menschen, den man doch ein mal so sehr geliebt hat (und fast immer noch weiterhin sehr liebt) zu leben. Der erste Schritt zur Wiederbelebung der Sexualität in einer kriselnden Partnerschaft ist also, sich einfach zu verabreden und diese Verabredung selbstverständlich auch einzuhalten. Es ist dabei nicht schlecht, wenn man sich von vorneherein darauf einstellt, dass dies eine Verabredung für ein sich regelmäßig, zumindest aber sich öfter wiederholendes Ereignis ist. Faktisch alle menschlichen Aktivitäten beruhen auf einem gewissen Maß von Verlässlichkeit und Regelmäßigkeit. Alles was schön ist, möchte man gerne immer wieder erleben, am liebsten natürlich mit den Menschen, den man liebt.

Liebe und Respekt für den anderen

Wenn man sich nun auf den Weg macht, miteinander wieder die alte Liebe herzustellen, miteinander den Weg zu beschreiten, sich wieder aneinander freuen zu können, Lust und Freude mit Liebe zu empfinden, dann ist für alle Paare, die miteinander in einer Krise stecken, der Weg dorthin voller Angst und Unsicherheit. Durch Sexualität nehmen wir am Leben teil. Durch die Erfahrung von Sexualität spüren wir die Lebendigkeit. Für alle Menschen ist daher die Erfahrung der Sexualität eine der zentralsten Momente ihres Lebens. Das Erleben und Miteinander Teilen der Sexualität ist für praktisch alle Menschen ein ganz zentraler Teil des Lebens und berührt jeden in seiner Persönlichkeit zutiefst. Ich möchte Ihnen raten, dass Sie stets voraussetzen, das die Sexualität für den anderen mindestens so wichtig ist, wie für sie selbst auch. Sollten Sie das Gefühl haben, dass für Sie Sexualität nicht so wichtig ist, dann ist es aber in jedem Fall ein guter Ratschlag, davon auszugehen, das für den anderen Partner die sexuelle Begegnung eine sehr, sehr wichtiger Moment im Leben ist. Man kann gar nicht zu viel Liebe und Respekt in eine sexuellen Begegnungen einbringen.

Angst mit Humor begegnen

Wenn man also sagt, dass das was sie beide an diesem Abend miteinander vorhaben etwas sehr, sehr wichtiges ist, wovor man vielleicht ein wenig nervös ist, dann ist eine gute Portion Humor eine immer sehr nützliche Zutat. In der Zeit, die verstreicht bis zu jener Verabredung, es ist ein guter Rat, über Sexualität, die eigenen Ängste, aber auch die eigenen Wünsche offen zu sprechen, aber auch Spannung und Unsicherheit durch Scherz und Humor abzubauen.

Zuvor sagte ich, das durch die Erfahrung von Sexualität der Mensch spürt, das er lebendig ist. Wenige Situation der Menschen im Leben vermitteln so unmittelbar und so intensiv das Gefühl von Leben und Lebendigkeit wie eine erotisch-sexuelle Spannung. Bei vielen Paaren ist die erotische Spannung das erste, was im Alltag verloren geht. Warum aber, so frage ich, sollte eine erotische Spannung einfach so immer fortbestehen bleiben? Nach meiner Erfahrung ist es so, dass nichts im Leben einfach so von sich aus funktioniert. Warum sollte es mit den erotischen Spannung anders sein? Um Erotik muss man sich eben auch bemühen, genauso wie man eben den Abwasch machen muss und die Bettwäsche bügelt. Es passiert eben nicht von alleine. Wenn Sie also eine erotische Spannung mit jemandem wünschen, dann wird es so sein, dass Sie irgend etwas dafür tun müssen. Und wenn Sie es leid, sind noch weiter jahrelang darauf zu warten, dass es endlich geschieht, dann ist es eben so, dass Sie es sind, der sich darum bemühen muss. Wenn Sie darauf warten, dass der andere endlich damit anfängt, dann ist es eigentlich immer so, das alles so bleibt, wie es ist. Wenn Sie unzufrieden mit der Sexualität in Ihrer Partnerschaft sind, dann sind Sie genau derjenige der dafür verantwortlich ist, dass es sich ändert.

Das erste Prinzip in der Sexualität

Dies ist das erste und wichtigste Prinzip der Sexualität: Sie sind für die Qualität ihrer Sexualität selbst und ganz allein verantwortlich. Niemand sonst kann etwas dafür tun.

Drei Schritte

Um noch zu rekapitulieren: der erste Schritt ist, einen wirklich ehrlichen und aufrichtigen Entschluss zu fassen, sich mit seinem Partner versöhnen zu wollen. Versöhnung bedeutet, das man sich für den anderen öffnet, ihm positiv begegnet und man dabei bereit, ist das vergangene beiseite zu stellen. Das bedeutet auch, dass man weder sich selbst noch den anderen bestraft dadurch, dass man etwas sehr Schönes und Wichtiges - die Sexualität - verweigert, oder unmöglich macht.

Der nächste Schritt ist, das vor sich selbst eingesteht, dass man vor dieser neuen Begegnungen und dieser Versöhnung möglicherweise Angst hat. Man hat möglicherweise Angst, nicht angenommen zu werden, erneut verletzt und zurückgewiesen zu werden. Man hat Angst vor einer Enttäuschung. Dies Gefühle sich selbst und auch dem anderen einzugestehen, miteinander offen zu sprechen, ist die erste und wichtigste Voraussetzung dafür, diese Angst auch zu überwinden. Wenn man in dem warmen Lächeln des anderen Verständnis erkennt, bekommt man damit möglicherweise die Sicherheit, doch auch den nächsten Schritt wagen zu wollen.

Ein drittes ist, ein Stück Humor mitzubringen. Wir sind alle Menschen. Liebe und Sexualität ist ein normaler und natürlicher Teil des Menschseins. Was immer wir uns wünschen, es sind sicher ganz normale und durchschnittliche Wünsche. Es ist nichts Besonderes. Jeder mag es wollen. Daher ist Scham und Angst im Grunde vollkommen unnötig. Warum kostet es so viel Mut, einfach nur ein Mensch zu sein? Es sind sehr alte, überlieferte Traditionen, die faktisch allen Menschen das Gefühl gegeben hat, Sexualität zu wünschen, sei etwas Unrechtes, Unreines und gar Unverschämtes. Warum dies so ist und welchen Zweck das hatte, wäre Gegenstand einer eigenen Betrachtung. Hier ist es aber wichtig, zu verstehen, dass alle Menschen, die ich bislang kennen gelernt habe, dieses Gefühl von Unsicherheit in sich haben. Daher müssen die Männer verstehen, dass die Frauen dieses Gefühl haben, und die Frauen müssen verstehen, dass auch die Männer dieser Angst haben. Das Ergebnis dieser gemeinsame Angst ist eine Angst und eine Unsicherheit im Umgang miteinander. Statt die eigene Sexualität zu leben und zu erfahren, und die eigene Freude mit dem anderen zu teilen, sind alle sehr ängstlich bemüht, es dem anderen recht zu machen und sich richtig zu verhalten, bei dem anderen anzukommen, keine Fehler zu machen und die Situation nicht zu verderben. Worauf es aber ankommt, ist, aneinander Freude zu haben. Das bedeutet, man muss sich selbst zugestehen, den anderen einfach nur genießen zu wollen. Es bedeutet auch, den eigenen Körper zu genießen, die eigene Lust zu genießen und sie großzügig mit dem anderen zu teilen. Es mag paradox klingen, aber eine lustvolle Sexualität bedeutet auch, ganz schön egoistisch zu sein. Dies ist vielleicht ein bisschen pointiert formuliert, bedeutet aber, das man eine erfüllte Sexualität nur dann hat, wenn man sich selbst und den anderen genießen kann, mit seinem Fühlen und Erleben bei sich selbst bleibt und nicht über den anderen nachdenkt. Sex hat mit Fühlen und Erleben zu tun. Denken ist da hinderlich.

Gesunder Egoismus

Es ist sicherlich richtig und in fast allen Lebensbereichen durchaus angemessen, dass man auf den anderen Rücksicht nimmt. In der Sexualität geht es aber um Genießen. Das heißt, man genießt den anderen. Man darf nicht ängstlich darum bemüht, sein richtig zu sein. Oft genug habe ich berichtet bekommen, dass die Frauen in der sexuellen Situation die ganze Zeit darüber nachdenken, ob sie sich richtig legen, ob sie sich richtig bewegen, ob der Mann sie wohl schön und lustvoll sieht und so verpassen Sie die ganze Partie. Viele Männer berichteten mir, dass sie mit enormem Aufwand sich bemühen, der Frau Freude zu bereiten und Lust zu schenken aber dabei ihre eigene Erregung, und den Moment, wo sie selbst Lust finden, verpassen.

Erotische Spannung

Dies bringt uns zu dem letzten und wichtigsten Teil. Der spannende Teil der Sexualität ist die Spannung. Es ist die Erregung, das Gefühl der Lebendigkeit, das Gefühl der Lust, die -miteinander geteilt - eine erfüllte Sexualität bedeutet. Um es noch einmal zu betonen: in der Sexualität geht es um die Spannung, um die Erotik, nicht um die Erfüllung. Mit dem Orgasmus ist die Party vorbei. Man geht aber auf Partys, bei der ganze Abend schön ist. Wer klug ist, vermeidet bei der Party das Ende. Da ist das Bier schal, die Musik öde und obendrein muss man noch abspülen. Daher der Rat an die, die ihre Sexualität in der Partnerschaft wieder erwecken wollen: pflegt die Spannung - verzögert die Erfüllung.

Jeder weiß wie das geht: das Necken, das Flirten, das schöne Augen machen. Fragen Sie sich einmal auf richtig: wann sind Sie das letzte Mal ihrem Partner auf diese Art begegnet? Wann gab es den letzten Kuss, der mehr war, als nur ein Bussi? Wie ist es mit einer neckischen, einer zärtlich - erotischen Berührung? Wann gab es das letzte Kompliment? In sehr vielen Ehe, über die mir berichtet worden, ist sieht es damit ganz trübe aus. Aber auch hier gilt die Regel : In praktisch allen Aspekten von Liebe und Partnerschaft - wenn man möchte, dass etwas geschieht, dann muss man sich wohl oder übel selbst darum bemühen. Nur der selbst großzügig gibt, bekommt auch selbst etwas geschenkt.