Wenn Männer zu Vätern werden

Die Gründung einer Familie ist nach der Berufswahl die wesentliche Lebensphase, in der sich Lebensglück und Zufriedenheit entscheidet. Mann kann zwar fast alle Lebensentscheidungen bedenken und neue Pläne fassen, die Entscheidung zur Vaterschaft ist jedoch unwiderruflich. Schule und Gesellschaft bereiten junge Menschen nur wenig auf diese so wichtige Rolle als Eltern vor. Kaum gerüstet für diese glückliche, aber nicht selten sehr anstrengende und konfliktreiche Zeit, scheitern viele junge Paare und sind dann zwar Eltern, nicht selten aber dann wieder unfreiwillig Single. Das muß nicht sein. Während es viele, oft zu viele Ratschläge für die werdende Mutter gibt, hat kaum einer einen Rat oder eine Perspektive für die angehenden Väter. In diesem Vortrag sollen einige der wichtigsten Stolpersteine aufgezeigt werden und Wege besprochen werden, wie Mann (und Frau) sie umgehen kann.

Was verändert sich?

Wesentlich verändert sich die Partnerschaft zur Frau. Die Frau gerät in eine abhängige Rolle. Ihre Bedürfnisse ändern sich. Vom nun an werden neue, fürsorgliche Rollen erwartet, für die er oft durch seine Erziehung nicht recht vorbereitet worden ist. Selbst wenn er willig ist, neues Verhalten auszuprobieren, wird dies durch die Gesellschaft nicht direkt positiv gewürdigt. Es ändert sich die Freizeit: Man(n) hat eben keine mehr. Es ändert sich die Sexualität: Man(n) verzichtet sehr häufig, bzw. man ist viel zu erschöpft und überreizt. Mann hat Ängste und Sorgen, die von anderen, Nicht-Eltern gar nicht geteilt werden. Die Freundschaften verändern sich. Andere Freunde pflegen Aktivitäten, an denen man nicht mehr teilnehmen kann. Entweder man geht allein hin, was sich meist gar nicht positiv auf die Partnerschaft auswirkt, oder man verzichtet. Mann lernt seine Frau in einer extremen, existenziellen Situation kennen, erlebt sich selbst hilflos und ängstlich, vernachlässigtund in einer wenig hilfreichen Rolle.

Babys sind Frauensache. Frauen grenzen die Männer in dieser Rolle aus, oft mischen sich die Mütter der Gebärenden in starker Weise in das Familienleben ein. Die Intimität der Eheleute wird erheblich gestört. Das Baby bzw. Kleinkind liegt mit im Bett. Freundinnen und eben die Schwiegermutter werden für die Frau wichtig, der Mann darf oft nur eine untergeordnete Hilfsrolle spielen. Wenn er sich beschwert, wird ihm Egoismus und fehlende Sensibilität vorgeworfen. Die andere Variante ist, daß die junge Mutter sich voller Angst und Unsicherheit an den Partner klammert und von ihm Rat und Hilfe erwartet, die er auch so nicht leisten kann, denn was immer er vorschlägt, der Rat hat immer eine männlichePerspektive, die sicher nicht immer der Sache gerecht wird. Als Beispiel seien hier Probleme beim Stillen genannt. Wie kann der Mann da eine kompetente Meinung haben? Er muss ja nicht den Busen hinhalten, er kennt aber auch nicht die Freude des Stillens, bzw. die Angst und Sorge um die Gesundheit des Kindes so, wie es die stillende Mutter erlebt.

Nicht selten geraten junge Familien durch die Geburt in einen finanziellen Engpass. Abhängigkeiten entstehen, Geldsorgen bleiben oft alleinige Sache des Mannes. Sein Beitrag wird dabei selten von der Familie gewürdigt, da die Versorgung des Babys die Frau emotional völlig auslastet.

Die Frau kommt durch den ständigen Kontakt mit dem Baby in einen sehr extremen Kontaktstress. Sie hat abends vor allem das Bedürfnis nach Ruhe und Alleingelassen-Werden, nicht nach Schmusen und Küssen und Zärtlichkeit. Sex ist nach der Geburt auch ein besonders Problem. Schmerzen in der Scheide, Wochenfluss, Angst vor neuer Schwangerschaft reduzieren die Lust auf Sex bei den Frauen oft über Monate, wenn nicht sogar über Jahre, auf Null. Kurz gesagt, es kann sehr leicht geschehen, dass der Mann durch eine Vaterschaft in eine isolierte Position gerät, die nur viele Opfer und Kränkungen beinhaltet, aber wenig positive Momente. Wenn der durchschnittliche Mann von der Arbeit kommt, ist es oft Zeit, das Baby ins Bett zu bringen. Die Aufgaben des Mannes erschöpfen sich darin, das Baby zu wickeln und es herumzutragen, während die Mutter froh ist, mal in Ruhe duschen zu können, oder mal ohne 85 Unterbrechungen die Küche aufräumen zu können. Die meisten Leser dieses Textes sind gewiss in der Situtation, nun schon Eltern zu sein, bzw. es bald zu werden. Daher will ich Sie nicht damit demoralisieren, indem ich alle Probleme anspreche, die möglicherweise auftreten können, aber keineswegs müssen. Sicher haben Sie ein Kind, welches Mittagsschlaf hält, immer gut isst und gerne bei Oma oder der Freundin bleibt.

Beziehungen zwischen Mann und Frau haben stets eine gewisse Basis, sonst würden sie ja nicht existieren. Im einfachsten Fall und und sicher ganz grundlegend ist die Basis dieser Beziehung die Sexualität. Dies bringt bekanntlich Mann und Frau zusammen, als dauerhafter Kleber taugt Sex erfahrungsgemäß nicht besonders. Daher verbindet Mann und Frau auch ein Geflecht von gemeinsamen Erfahrungen, Gefühlen und geteilten Interessen. Das nennt man in der Regel eine Beziehung haben. Wenn diese beiden zusammen leben, dann entsteht obendrein eine Partnerschaft. Die Partnerschaft hat dem gegenüber einen besonderen Aspekt: Sie ist noch mehr auf Dauer angelegt wie eine Beziehung und man teilt eben auch die schwierigen und langweiligen Aspekte des Lebens, genauso wie die schönen und besonderen Momente. Die Partnerschaft verlangt andere Verhaltensweisen als die Beziehung. Sie verlangt in erster Linie die Fähigkeit, die eigenen Interessen zurückzustellen, um der gemeinsamen Sache willen, d. h. das Interesse am langfristigen Erhalt der Partnerschaft höher zu bewerten als das kurzfristig bewertete eigene Interesse.

Wichtig ist dabei nicht nur die Verpflichtung auf die gemeinsame Sache, sondern auch die Fähigkeit, die Angelegenheit aus der Perspektive des anderen zusehen. Die Fähigkeit zur Partnerschaft ist bei beiden Geschlechtern keineswegs angeboren. Sie wird gleichermaßen erworben durch Erziehung, Vorbildfunktion der Eltern und die schlechten Erfahrungen, die man so sammelt. Betrachtet man die Befindlichkeit von Ehen, so wünschte man sich eine Kultur der Partnerschaft in der Welt, welche so intensiv tradiert würde, wie einst die Religionen.

Die Elternschaft ist die besondere Probe für Partnerschaft. Ohne Partnerschaft wird die Elternschaft zu einem Albtraum für alle Beteiligten, insbesondere für die Kinder. Welche Aspekte von Partnerschaft sind nun von besonderer Bedeutung, wenn es um die gemeinsame Aufzucht der Kinder geht? Im folgenden werden einige Fragen aufgeworfen, die unserer Auffassung nach von entscheidender Bedeutung für einen guten Verlauf der Elternschaft sind. Mit der Geburt des Kindes kommt ein neuer, wichtiger Faktor in das gemeinsame Leben, bei dem es viel zu bedenken und zu entscheiden gibt. Die erste Frage lautet also:

Wie werden Entscheidungen für das Kind getroffen?

Es wäre nun naheliegend, zu sagen, die Entscheidungen trifft das Paar gemeinsam. Hier muß man dann sehen, wie das Paar überhaupt Entscheidungen miteinander trifft. Ein ideales Miteinander gibt es da wohl selten. Die Entscheidungen werden meist so getroffen, daß mal der eine, mal der andere nachgibt. Wenn es um die Frage nach dem Kinoprogramm oder dem Restaurant geht, kann das ja auch gut funktionieren, bei Entscheidungen beispielsweise über die Wahl der Entbindungsklinik oder wann abgestillt wird, ist das sicher nicht so einfach. In den ersten vier Jahren ist das Kind sehr stark auf die Mutter bezogen. Alles, was das Kind betrifft, betrifft vor allem die Mutter. Alles, was das Paar sich gemeinsam überlegt, was gut ist für das Baby, muß in der Regel die Mutter umsetzen. Daher ist es nicht überraschend zu sehen, daß de fakto die Mütter alle Entscheidungen für das Baby treffen. Besonders bei der ersten Geburt sind die jungen Mütter ängstlich, besorgt und nervös. Es fällt ihnen nicht leicht, sich zu entscheiden. Die Rolle des Ehemannes ist es dabei mehr, ruhig zuzuhören, Zuversicht und Optimismus zu verströmen und die Mutter in ihren Entscheidungen zu unterstützen, statt zu versuchen, seine eigenen Ideen durchzusetzen.

Es ist ganz natürlich, daß die junge Mutter sich an die eigene Mutter wendet, wenn sie Fragen hat oder Unterstützung braucht. Besonders die Geburt des ersten Kindes ist häufig ein hochdramatisches Familienereignis, bei dem die Bedürfnisse des Kindes und der jungen Eltern manchmal untergehen. So stellt sich dringlich die zweite Frage:

Wie funktioniert die Abgrenzung des Paares gegenüber ihrer eigenen Elterngeneration?

Heutzutage erscheint es selbstverständlich und normal, wenn junge Frauen eine Berufsaufbildung anstreben, abeiten gehen und den Wunsch haben, Kinder und Karriere miteinander zu verbinden. Sicher ist diese Veränderung in den Lebenszielen eine Reaktion auf die Erfahrungen der Nachkriegsgeneration, die oft in sehr traditionellen Werten verhaftet war. Dort war der Platz der Frau am Herd, ihr Lebensinhalt die Aufopferung für die Familie. Es muß nicht betont werden, daß dieses Modell nur selten wirklich gut funktioniert hat. Für die Frauen dieser Generation entsteht eine schwierige Lebensphase besonders dann, wenn die Kinder aus dem Haus sind, sie selbst keine Chancen mehr auf dem Arbeitsmarkt hat und die eigene Ehe oft ein paar Abnutzungserscheinungen hat. Dann kommt die Geburt des ersten Enkels nur allzu gelegen. Die Mutter hat eine neue Aufgabe: Die Aufzucht des Enkels. Sie kann noch einmal in ihrer angestammten Rolle aufgehen, versuchen, alte Fehler wieder gut zu machen. So erleben sich junge Mütter nicht selten geradezu überrollt von ihrem Müttern, die energisch als geübten Experten, die Babypflege in die Hand nehmen. So willkommen und notwendig das ja auch sein mag, es kommt hier sehr auf das rechte Maß an. Zum einem muß die Intimität des Paares gewahrt bleiben und zum anderen müssen die Entscheidungen über das Familienleben und das Baby bei der Mutter bzw. beim den jungen Eltern bleiben. Das ist oft leichter gesagt als getan, denn junge Frauen sind aufgrund traditioneller Rollen meist stärker an die Mutter gebunden als die Männer, deren Rolle mehr Autonomie verlangt.

Ohne es jetzt noch satirisch überspitzen zu wollen, kann die so sehnlich erwünschte Vaterschaft aus der Perspektive des überraschten Ehemannes durchaus so aussehen:Statt fröhlich zu zweit die Elternschaft zu geniessen, findet er abends und am Wochenende seine Frau bei ihrer Mutter oder die Mutter bei sich zuhause. Die Schwiegermutter kocht und putzt und wäscht und macht Geschenke und betreut das Baby und pflegt die Wöchnerin - wie kann man bei soviel Liebe und Aufopferung was Negatives sagen? Die jungen Mütter besprechen dann alles mit ihrer Mutter, statt mit ihrem Mann - er wird unter Umständen von Entscheidungen ausgegrenzt. Selbst wenn die eigene Frau das Bemühen des modernen Mannes, sich an der Babypflege zu beteiligen, unterstützt, so wird dies von der Schwiegermutter eher mißtrauisch beäugt, denn dies würde ja ihren Einfluss in der Familie schmälern. So wird der Mann gerne abgewertet und bespöttelt, wenn er versucht, seine Vaterrolle aktiv zu gestalten. Hier kann die Partnerschaft schnell in eine gefährliche Schieflage geraten. Kaum ein jung verheirateter, frisch gebackener Vater wird Wert auf eine Konfrontation mit seiner Schwiegermutter legen, da er in einer schlechten Situtation ist: Er kann meist real wenig zur Entlastung seiner Frau bei der Säuglingspflege beitragen, seine Frau ist wohl auch oft wenig bereit, sich Kritik über ihre Mutter anzuhören. In unser Gesellschaft wird man nur selten Frauen finden, die das Interesse ihrer Tochter an Sex wohlwollend betrachten und ihre Neugier und Experimentierfreude unterstützen. Fast alle Frauen erfahren von ihrem Müttern, daß sich eine allzu freie Einstellung zur Sexualität für Frauen nicht schickt. Dies führt dazu, dass sich die meisten Frauen ihrer Sexualität schämen, insbesondere gegenüber ihrer Mutter. Wenn nun die Frauen durch ihre Mutterschaft wieder einen verstärkten Kontakt zu ihren eigenen Müttern haben, dann passiert es leicht, daß die Männer erleben, daß früher selbstverständliche Zärtlichkeiten und Neckereien innerhalb des Paares plötzlich mehr oder weniger energisch abgewehrt werden. Das die Zeit der Schwangerschaft und Geburt in Bezug auf Zärtlichkeit und Sex fast immer eine Zeit der Entbehrungen für die die Männer bedeutet, können so Kränkungen entstehen, die manchmal den Anfang ernster Risse in der Partnerschaft bedeuten. Das einzige was hier hilft, ist ein gemeinsames Bemühen um den Erhalt und die Pflege von Liebe, Zärtlichkeit und ehelicher Intimität, trotz aller Anstrengung und Überforderung.

Abgrenzung des Paares gegenüber den anderen Müttern und Kindern.

Die junge Mutter findet sich nach dem Wochenbett plötzlich in völlig neuen sozialen Situation wieder: in der Gemeinschaft der Mütter und Kinder im Hof, auf dem Spielplatz und im Kindergarten. Anders als sonst im Leben sind diese Kontakte nicht selbstgewählt, haben aber doch oft keinen geringen Einfluss auf die Meinungen und Gefühle der Mutter. Frauen pflegen ein sehr hohes Maß wechselseitiger sozialer Kontrolle, stärker als in der Berufswelt der Männer. Hier werden Normen gesetzt: Wann sollte das Baby durchschlafen, wie lange soll man stillen, darf man im achten Monat noch Sex haben (ja, natürlich, soviel wie man mag!), welcher Kindergarten, welche Schule empfiehlt sich, usw... Cliquen und Gruppen bilden sich. Kinder besuchen sich gegenseitig, die dazugehörigen Mütter kommen mit zum Kaffetrinken. Dies hat im Leben der jungen Mutter plötzlich eine sehr großen Stellenwert. Der dazugehörige Ehemann erfährt von dieser Welt kaum je etwas. Neue Menschen treten in das gemeinsame Leben, beeinflussen seine Frau und Kinder. Er muß sich, wenn er abends und am Wohenende heimkommt, ebenso damit auseinandersetzen, obwohl er diese Frauen und Kinder gar nicht kennt. Er kann sich auch nur sehr schwer in diese Welt hineinversetzen, wird aber auch indirekt davon ferngehalten. Es ist für einen Mann fast unmöglich, einen echten Kontakt zu anderen Müttern zu bekommen, selbst wenn er wochenlang mit seinem Säugling auf dem Spielplatz hockt.

Wie trifft das Paar Entscheidungen über die gemeinsame Zukunft?

In den meisten Partnerschaften entwickelt sich innerhalb kurzer Zeit eine natürliche Rollenverteilung, die sich einfach durch die Befürfnisse des Säuglings ergeben. Das Baby braucht sehr viel Körperkontakt zur Mutter. Wenn man nicht in die natürlichen Vorgänge eingreift, verbringt eine stillende Mutter schnell mal 3 bis 4 Stunden täglich damit, im Sessel zu sitzen und ihrem Busen hinzuhalten. Es überrascht nicht, das die Männer dann in ihren traditionellen Rollen als Ernährer der Familie verbleiben. Solange das Baby gestillt wird, ist dies alles nicht eine Frage der Emanzipation, sondern eine biologische Notwendigkeit. Da unsere Kinder alle jeweils mehr als ein Jahr gestillt wurden, finden Sie in mir und meiner Frau besonders engagierte Fürsprecher des Stillens. Die junge Mutter ist häufig genug mit ihren Sorgen und ängsten um das Baby allein gelassen. Sie schläft schlecht, das Baby hat vieleicht Bauchweh oder bekommt Zähne und so versinkt die Mutter in einer eigenen Welt, in der sie oft genung nicht viel Interesse für die Ängste und Sorgen ihres Partners aufbringt, der nun in seiner frischgebackenen Vaterschaft die Last der Verantwortung für seine Familie wahrscheinlich besonders fühlt. Bleibt nun jeder der Beteiligten mit seinen Gefühlen allein, dann führen diese intensiven, aber negativen Erfahrungen zu einer Spaltung des Paares: Du hast ja kein Verständnis für mich! So lautet dann der wechselseitige Vorwurf. Natürlicherweise ist der Mann nun besorgt, die zusätzliche Verantwortung und den zusätzlichen Finanzbedarf auch tragen zu können. Er beginnt intensiver über seine Karriere nachzudenken. Er bekommt auch entsprechende Angebote, denn unsere Gesellschaft will Familien fördern, und im Gegensatz zu jungen Frauen sind junge Männer mit Kindern auf dem Arbeitsmarkt gefragt, denn sie sind treue und willige Arbeitnehmer. Mehr Geld bedeutet mehr Arbeit, mehr Verantwortung und mehr Zeit im Büro oder auf der Arbeit. Die junge Mutter wird oft alleingelassen. Da ist sie dann gekränkt, ggf. auch vorwurfsvoll. Der Mann, der sich ja den ganzen Tag abmüht im Gedanken an seine Frau und sein Baby, findet sich dann oft genug nicht freudig begrüßt und dankbar umarmt. Eine emotionale Spaltung des Paares kann sich an diesem Punkt schnell vertiefen.

Dies ist keine gute Voraussetzung für die Lebens- und Karriereentscheidungen, die der Mann dann treffen muß. Wenn diese Entscheidungen überhaupt gemeinsam besprochen werden, dann nimmt sich der Mann oft das Hauptgewicht in der Entscheidung. Die Entscheidung fällt in unserer Gesellschaft fast immer so aus, daß die Frau auf den Haushalt und das Kind zurückgeworfen wird. Selten machen sich die Paare klar, daß schon hier die Weichen gestellt werden für Konflikte und Konstellationen, die erst viele Jahre später, wenn die Kinder zur Schule gehen, richtig zum Tragen kommen. Es kann nicht genug betont werden, daß eine stabile Partnerschaft nur möglich ist, wenn Entscheidungen gemeinsam getroffen werden und die Unabhängigkeit der Frau, soweit es irgend geht, gewahrt bleibt.

Wie nimmt das Paar Rücksicht auf die Bedürfnisse des einzelnen?

Die Geburt eines Kindes ist erst einmal nach der großen Freude über das Baby überwiegend anstrengend. Um genau zu sein, ziemlich sehr anstrengend. Sie bekommen gewiss alle ein schönes, lebendiges, gesundes und fröhliches Kind und sie wollen ihm nur das Beste geben und das ist anstrengend. Nach einigen Wochen, Monaten und Jahren treten da bei beiden Eltern gewisse Ermüdungserscheinungen auf. Da will man dann mal was anderes sehen. Mann und Frau brauchen etwas Freizeit. Mann möchte ein Hobby wieder aufnehmen, Freunde treffen, Sport treiben usw. Immer kollidieren dieses normalen und gerechtfertigten Wünsche mit den Bedürfnissen der oder des Kindes. Hier muss abgewogen werden. Hier ist der Prüfstand der Partnerschaft. Es gibt einfach keine Gerechtigkeit, niemand hat Vorrechte, wenn beide genervt, erschöpft und übermüdet sind. Irgendwie muss man eine Lösung finden. Das heißt, man muss fair und flexibel miteinander streiten. Wichtigste Maxime beim Streiten um eigene Vorrechte muss aber sein, nicht recht zu behalten oder seine Interessen durchzusetzen, sondern eine Lösung zu finden, die der Partnerschaft als Ganzes und dem Kind dient. Verzichten kann hier gewinnen bedeuten. Gekränkter Rückzug ist sehr destruktiv, genauso wie das Ausspielen von Macht und anderen Vorteilen. Ein Mann kann der Konfrontation mit der Frau und dem Kind natürlich leichter ausweichen. Er hat eben noch Arbeit, er bleibt noch im Büro. Die Frau hockt da mit dem kreischenden Blagen und kann nicht weg. Aber sie spürt es natürlich, ob hier die Last gerecht gemeinsam getragen wird. Nur eine echte und ehrliche Gerechtigkeit erhält die Partnerschaft auf längere Sicht.

Wie steht es mit der Sexualität?

Die Sexualität ist die Basis, auf der die Partnerschaft steht. Sie konstituiert die Beziehung. Wenn zwei Menschen "etwas miteinander haben", dann meint das, dass sie miteinander schlafen. Im archaischen Recht muss eine Ehe, d. h. der Beischlaf vollzogen sein, damit die Ehe rechtskräftig ist. Eine eheliche, eine partnerschaftliche Lebensgemeinschaft ohne eine lust- und liebevolle Sexualität geht unweigerlich kaputt, es ist nur eine Frage wie schnell. Es gibt also nichts destruktiveres, als auf Knatsch und Krach in der Ehe mit einem Verweigern von Sex zu reagieren. Sex brauchen beide, deshalb kann man damit den anderen so gut erpressen, aber es ist eine absolute Waffe. Man oder Frau gewinnt zwar den Streit, aber man hat dann keine Partnerschaft mehr. Aus dem gleichen Grund ist Fremdgehen so destruktiv, weil es das Gemeinsame, dass Miteinander und das Aufeinander-Angewiesen-Sein untergräbt. Wer fremdgeht, kann den anderen gut sexuell aushungern. Es verschiebt das Gleichgewicht der Macht in der Beziehung, und das zerstört die Partnerschaft. Auf der anderen Seite ist die Sexualität genau der Punkt, an dem man zuerst spürt, wenn die Beziehung in eine Schieflage gerät. Mann kann mit dem Körper nicht lügen. Hier ist Mut gefordert, zum offenen Gespräch. In der Partnerschaft müssen sich beide darum bemühen, die Sexualität liebevoll und lebendig zu erhalten. Das sollte man nicht delegieren an den anderen. Hier vergessen oft die jungen Mütter, dass es auch ein Stück ihr Part ist, die Sexualität nach der Geburt wieder zu beleben. Hier ist eine kritische Phase. Entweder die Frauen schicken sich ergeben in die Notwendigkeit, obwohl sie sich nicht danach fühlen. Dies erzeugt ein Gefühl von benutzt werden, welches langanhaltende und tiefe Kränkungen erzeugt, oder die Frauen, froh über die gute Entschuldigung, drücken sich vor der sexuellen Begegnung, indem sie ihre Befindlichkeit oder das Kind vorhalten.

Alle Paare stehen hier vor einen ebenfalls biologisch bedingten Problem. Bei den Primaten, zu denen wir Menschen eben auch gehören, verlieren die Frauen während der Stillzeit das Interesse am Sex. Zum einen gibt das Baby wahrlich Körperkontakt genug, zum anderen sorgt Mutter Natur so für eine natürliche Geburtenkontrolle. Der Mann erlebt dies anders. Er sieht seine Geliebte ständig anders beschäftigt, er wird beiseite geschoben, empfindet sich vielleicht als lästig, als unangemessen. Vielleicht hat er schon die halbe Schwangerschaft auf Zärtlichkeit und Sex gewartet, jetzt ist noch das Baby da, und der Wochenfluss und, und und. Ein langer Frust. Die Frauen spüren diesen Frust nicht unbedingt. Sie selbst haben ihn ja nicht. Die Männer finden da häufig wenig Verständnis und Entgegenkommen. Daher mein Rat an die jungen Paare kurz vor der ersten Niederkunft: Genießt, was immer möglich ist, danach ist der Tisch spärlich gedeckt. Redet viel miteinander über Wünsche und Bedürfnisse und seht es als gemeinsame Aufgabe, die Liebe und die Zärtlichkeit auch über die Geburt des Kindes hinaus lebendig zu halten. Beischlaf ist nicht alles. Zärtlichkeit und der Ausdruck der wechselseitigen Liebe ist zentral. Liebe Frauen, wertet nicht eure Männer in ihren Bedürfnissen ab, freut euch, dass ihr noch so sehr begehrt werdet.

Wie steht es mit der ökonomischen Abhängigkeit der Frau?

Mit der Geburt des ersten Kindes geraten Frauen zum ersten Mal in eine Situation, in der sie unausweichlich und auf längere Sicht auf die Hilfe eines anderen Menschen angewiesen sind, mit dem sie nicht verwandt sind. Wenn Sie als Mann einmal versuchen, sich ganz ehrlich in diese Gefühl hinein zu versetzen, dann kann man verstehen, dass Frauen sich da zuerst einmal unbehaglich fühlen. Es ist wichtig, hier als Mann eine Einfühlung zu entwickeln. Ich glaube, dass es in der heutigen Generation für die Frauen selbstverständlicher geworden ist, Freiheit und Unabhängigkeit im Leben zu erwarten. Die Geburt ist hier ein Moment der Krise, vielleicht auch ein Moment der Wahrheit. Wenn Sie ihre Frau lieben, wenn Sie diese Ehe und den Kontakt zu ihrem Kind erhalten wollen, respektieren Sie die Freiheit ihrer Frau. Diese Freiheit bedeutet vor allem auch eine ökonomische Freiheit. Abhängigkeit erzeugt Abhängigkeit. Wer versucht, Kontrolle über einen Menschen zu erlangen, wird erleben, wie dieser umgekehrt versucht, Kontrolle zu erlangen. In der Vergangenheit nannte man dies den Kampf der Geschlechter. Es ist sicher eine sehr grundlegende Frage, ob man sein Leben auf Liebe und Vertrauen, also auch auf den Respekt für die Freiheit des anderen aufbaut, oder auf Kontrolle und Macht. Sie haben die Wahl.